Mai 23, 2013

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Interview mit der Autorin Sonja Seirlehner zu ihrem Buch: `Wie viel Weiblichkeit verträgt die Wirtschaft?´

frauenmesse.com: Frau Seirlehner, was sagt denn Ihr Mann dazu, dass Sie Bücher schreiben?

Sonja Seirlehner: (lacht ) Sie spielen auf das in meinem Buch beschriebene Vorstellungsgespräch an. Der Geschäftsführer eines Unternehmens, in dem ich mich beworben hatte, stellte mir eben diese Frage, was mein Mann dazu sagen würde, dass ich voll berufstätig sein wollte, verbunden mit einer internationalen Tätigkeit. Nun, mein Mann unterstützt mich voll und ganz in meinen beruflichen Vorhaben. Er trägt von Anbeginn unserer Begegnung dazu bei, dass ich meiner Berufung folgen kann, zu denen u. a. auch das Schreiben dieses Buch gehört.

frauenmesse.com: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die `Schubladisierung´ ein freies und offenes Miteinader der Geschlechter auch in Führungspositionen stark behindert und zitieren den SPÖ Landtagspräsidenten Walter Prior, der in seiner Rede bei einem Neujahrsempfang sagte: `Es steht in der Bibel geschrieben: Wenn die Frau etwas nicht weiß, soll sie nach Hause gehen und ihren Mann fragen“. Für mich klingt das nach einer Einstellung aus der Zeit vor 1900, als die industrielle Entwicklung das Verständnis von gemeinschaftlicher Arbeit ausgehebelt hatte und Frauen ´an den Herd´ beordert wurden.

Sonja Seirlehner:  Und mit diesem Verständnis habe wir es heute wirklich noch zu tun: Viele Unternehmen schreiben sich sozusagen die Frauenförderung auf die Fahne um zu signalisieren: „Wir gehören zu den Guten!“ Für mich schwingt hier ein zynischer Unterton mit. Es sollte grundsätzlich gar kein Thema sondern eine Selbstverständlichkeit sein, eine Frau einzustellen, wenn sie über die geforderte Qualifikation sowie über das geeignete Potenzial verfügt. Selbstverständliches muss weder hervorgehoben werden noch thematisiert. Ich halte es da sinngemäß mit Alfred Adler: „Man spricht nur über Themen, mit denen man Probleme hat.“ Im Grunde muss jede Frau – jeder Mensch – für sich entscheiden, was er will und was nicht. Daran scheitert es in der Wirtschaft auf allen Ebenen und unabhängig vom Geschlecht: es werden keine Entscheidungen getroffen, dies hat zur Folge, dass es im Umkehrschluss auch keinen „Verantwortlichen“ geben kann. „Ja“ sagen und dazu stehen, darum geht es! Eine Frau im 21. Jh. und einem friedlichen Mittel-Europa kann sehr wohl entscheiden welchen Weg sie gehen möchte: mehr denn je.

frauenmesse.com: Mit dem Thema `Emanzipation´ setzen Sie sich auch in Ihrem Buch auseinander. Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipare: einen „Sklaven oder erwachsenen Sohn“ aus dem mancipium, der „feierlichen Eigentumserwerbung durch Handauflegen“, in die Eigenständigkeit zu entlassen (Quelle: Wikipedia). Natürlich ist es heute in einem anderen Kontext zu sehen, aber Sie verstehen sicherlich schon, worauf ich hinaus möchte?

Sonja Seirlehner: Die Begrifflichkeit der `Emanzipation´ hat sich in der Tat verändert, ihr liegt jedoch noch immer die Bedeutung inne, sich aus etwas befreien zu wollen, bzw. zu müssen. Der Arzt und Journalist Ricardo Coler lebte über zwei Monate in Südchina bei den matriarchalisch organisierten Mosua und schrieb darüber einen vielbeachteten Bericht, in dem er resümiert, dass eine von Frauen bestimmte Gesellschaft nicht das Paradies der Feministinnen sei, sondern sich hier einfach andere gesellschaftliche Strukturen erhalten haben, die letztlich stärkere Gewichtung auf die Bedürfnisse der Frauen legen. Ich lege großen Wert darauf den humanistischen Ansatz der Emanzipation zu vermitteln: die Gleichstellung aller Menschen und deren Gleichberechtigung. Das Vereinende und nicht das Trennende liegt mir am Herzen.

Im Rahmen meines Buches führte die Firma Pesermo eine Studie durch, welche sich mit der Weiblichkeit in der Wirtschaft beschäftigt. Ziel der Forschung war es, den derzeitigen Stellenwert der Weiblichkeit in der Wirtschaft zu hinterfragen. Diese Umfrage wurde mittels einer anonymen Online-Befragung durchgeführt und an ihr nahmen 173 ProbandInnen im Zeitraum vom 21.02. bis 31.03.2012 teil. Es wurden Frauen und Männer innerhalb eines Business-Netzwerkes  sowie über die Webseite von Pesermo befragt. Die Antworten sind in vielfacher Weise aufschlussreich und ich führe hier als Beispiel eine der Fragen und deren Beantwortung auf:

Die Aufgabenstellung lautete: `Bitte bewerten Sie die folgende Aussage: Es gibt zu wenige Frauen in den obersten Führungsetagen. Ich befürworte deren Förderung´. Von 164 ProbandInnen gaben 39 % der Aussage ein `ja´, nämlich dass sie für die Förderung von Frauen sind, 21 % sagten „ eher ja“, 17 % meinten „teils teils,“ 10 % „eher nein“, 6 % stimmten für ein klares „nein“, 2 % entschieden sich nicht konkret und 5 % gaben dazu nicht ihre Stimme ab. Fazit: 39 % der Abstimmenden bejahen das Thema, mehr weibliche Führungskräfte in den Führungsetagen zu haben sowie deren Förderung.

frauenmesse.com: Frau Seirlehner, würden Sie sagen, dass Frauen auch mit mehr Weiblichkeit die Führungsrolle übernehmen sollten?

Sonja Seirlehner: Nach dem Schreiben meines Buches bin ich zu dem Schluss gekommen, das die Wirtschaft und deren VertreterInnen sich an den Gedanken gewöhnen sollten, dass die Wirtschaft in Zukunft weiblicher werden wird! Dass Weiblichkeit ein Türöffner für die obere Management Ebene sein kann, wurde in der Pesermo Studie durch eine Tendenz von 43 % angegeben. Die Chance ist da, wir Frauen müssen sie ergreifen! Für mich stellt sich die Frage nicht mehr nach dem `wie viel´ an Weiblichkeit, sondern vielmehr lautet sie für mich: Wie lange kann die Wirtschaft noch ohne Weiblichkeit bestehen? Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist die wahre Authentizität einer Frau, damit meine ich, den Einklang zwischen der verkörperten Weiblichkeit und der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Weiblichkeit auszudrücken hat viele Facetten. Ich persönlich wünsche mir von Frauen eine klare authentische Positionierung, denn nur so können Erfolge in der Wirtschaft erreicht werden – und über diese hinaus. Authentisch sein zu „dürfen“ zählt zu den größten persönlichen Lebensfreuden: das verleiht einem die notwendige Kraft und Ausdauer.

frauenmesse.com: Herzlichen Dank für dieses erfrischende und interessante Interview, Frau Seirlehner. Mein Resümee zu Ihrem Buch, das ich übrigens sehr empfehle, lautet: `Weiblichkeit ist keine Eigenschaft, für die Frau sich schämen muss; daher: nutzen wir sie (auch) in den Führungsetagen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

cover klein„Wie viel Weiblichkeit verträgt die Wirtschaft? Die Strategie der weiblichen Vermännlichung“, ISBN 978-3-9503380-0-3 Verlag Pesermo

Erhältlich bei Amazon


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